Ein internationales Forschungsteam hat ein außergewöhnlich gut erhaltenes Fossil aus Texas neu untersucht und in der Fachzeitschrift Nature beschrieben. Der Fund war bereits 1985 im Westen von Texas geborgen worden, wurde aber lange für das Jungtier eines Krebstiers gehalten. Erst eine Neuuntersuchung mit einem Polarisationsmikroskop – einem Gerät, das feinste Strukturen im Gestein sichtbar macht – zeigte, dass es sich um eine bislang unbekannte Art handelt.
Das Fossil ist nach Angaben der Forschenden rund 324 Millionen Jahre alt und fällt damit in einen Zeitraum, den Fachleute als „Hexapodenlücke" bezeichnen: Zwischen dem ältesten unumstrittenen Fossil der Hexapoden, zu denen auch Insekten zählen, vor rund 405 Millionen Jahren und den ältesten bekannten geflügelten Insekten fehlten bislang weitgehend verlässliche Fossilfunde, die zeigen, wie sich frühe Insekten schrittweise an ein Leben an Land anpassten.
Das nun beschriebene, flügellose Tier erhielt den Namen Chosha praecursor, was sinngemäß „Insekten-Vorläufer" bedeutet. Es zeigt typische Insektenmerkmale wie sechs Beine und einen Legestachel, besitzt aber zugleich einen krebsartigen Hinterleib mit paddelartigen Anhängseln, wie sie sonst bei Krebstieren vorkommen. Diese könnten einst zum Schwimmen oder als Kiemen gedient haben. Zusammen mit zwei weiteren, bereits bekannten Fossilien ordnet das Forschungsteam den Fund als frühestes bekanntes Stammgruppen-Insekt ein.
Daraus schließen die Forschenden, dass der Übergang vom Wasser aufs Land bei frühen Insekten kein abrupter evolutionärer Sprung war, sondern eine lange amphibische Zwischenphase, in der die Tiere über Jahrmillionen zwischen feuchten Uferzonen und flachen Gewässern lebten. Die paddelartigen Anhängsel bildeten sich demnach nicht plötzlich zurück, sondern degenerierten allmählich, weil sie an Land nicht mehr gebraucht wurden.
Einschränkend gilt: Die Einordnung beruht auf einem einzelnen, neu interpretierten Fossil sowie dem Vergleich mit zwei weiteren Funden. Eine unabhängige Bestätigung durch weitere, ähnlich alte Fossilfunde steht noch aus, und wie bei vielen Einzelfunden aus der Paläontologie bleibt eine gewisse Unsicherheit bei der genauen stammesgeschichtlichen Einordnung bestehen.
