Die angekündigte sechsjährige Volksschule ist keine sofortige Systemreform. Ab September 2027 soll zunächst eine erste Kohorte an ausgewählten Standorten starten; der ORF nennt mindestens fünf Standorte in wenigstens drei Bundesländern. Eine zweite Kohorte ist für 2028 vorgesehen. Ob das Modell später ausgeweitet wird, soll von der wissenschaftlichen Begleitung abhängen.

Für Familien ändert sich vor allem der Zeitpunkt der Schulwahl. Im heutigen Regelsystem wechseln Kinder nach der vierten Schulstufe meist in eine Mittelschule oder die Unterstufe einer allgemeinbildenden höheren Schule. Im Versuch bleibt der Klassenverband bis zur sechsten Schulstufe bestehen; die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg verschiebt sich damit ungefähr vom zehnten auf das zwölfte Lebensjahr.

Die zwei zusätzlichen Jahre sind fachlich dennoch Sekundarstufe. In der fünften und sechsten Schulstufe gilt deren Lehrplan, und der Unterricht wird überwiegend von Lehrkräften einer kooperierenden Mittelschule oder AHS-Unterstufe getragen. Die bisherige Volksschullehrkraft bleibt mit mehreren Wochenstunden als Klassenvorstand und Bezugsperson beteiligt. Persönlichkeitsbildung ist als eigenes Pflichtfach mit einer Wochenstunde je Schulstufe vorgesehen.

Die Teilnahme ist freiwillig. Eine Volksschule braucht eine Partnerschaft mit einer nahe gelegenen Mittelschule oder AHS-Unterstufe; laut ORF sind zudem Zustimmungen der Lehrer- und Elternvertretung sowie der betroffenen Eltern und Lehrkräfte nötig. Der Versuch kann an ganzen Schulen oder einzelnen Klassen stattfinden.

Offen ist, ob längeres gemeinsames Lernen Leistungen und Chancengerechtigkeit verbessert. Das Ministerium begründet den Versuch mit sozial ungleichen Bildungswegen, während ORF auch Kritik von ÖVP, FPÖ und anderen Akteuren dokumentiert. Genau deshalb müssen veröffentlichte Evaluationskriterien, Vergleichsgruppen und Ergebnisse darüber entscheiden, ob aus dem Versuch mehr wird.