Am 27. September 2026 stimmen die Schweizer Stimmberechtigten über die Volksinitiative „Für eine sichere Ernährung – durch Stärkung einer nachhaltigen inländischen Produktion, mehr pflanzliche Lebensmittel und sauberes Trinkwasser" ab, kurz Ernährungsinitiative genannt. Sie will den sogenannten Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz – also den Anteil der im Inland gegessenen Lebensmittel, der auch im Inland produziert wird – innerhalb von zehn Jahren von zuletzt 42 auf 70 Prozent erhöhen.

Wie das gelingen könnte, hat Adrian Müller vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in einer Studie berechnet. Er sieht zwei zentrale Stellschrauben: weniger Lebensmittelverschwendung und die Umstellung von Futtermittel- auf Lebensmittelanbau. Rund 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in der Schweiz jährlich verschwendet; würde man diese Verluste um die Hälfte reduzieren, wie es sich der Bund selbst zum Ziel gesetzt hat, könnte der Selbstversorgungsgrad laut Müllers Schätzung bereits um gut 10 Prozentpunkte steigen.

Der zweite und größere Hebel betrifft die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen: Statt Futtermittel wie Mais für Tiere anzubauen, könnten auf denselben Flächen pflanzliche Lebensmittel für Menschen wachsen, etwa Hülsenfrüchte. Das hätte deutliche Folgen für die Tierhaltung: Die Bestände von Hühnern und Schweinen, die sich überwiegend von Futtermitteln ernähren, würden nach Müllers Einschätzung stark zurückgehen. Auch Rindfleisch- und Milchproduktion würden sinken, allerdings weniger stark, weil Rinder einen Teil ihres Futters ohnehin aus Gras und Heu beziehen. Insgesamt könnte laut Müller mehr als zwei Drittel der heutigen Fleischproduktion in der Schweiz wegfallen, wenn das Ziel von 70 Prozent erreicht werden soll – wie viel Fleisch am Ende tatsächlich gegessen wird, regelt die Initiative nicht; zusätzliche Importe blieben möglich, würden die Umweltbelastung der tierischen Produktion aber ins Ausland verlagern.

Eine Landwirtschaft mit weniger tierischer Produktion würde nach Müllers Angaben deutlich weniger Treibhausgase und Ammoniak ausstoßen. Isabel Jaisli, Professorin für Agrarökologie und Ernährungssysteme an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, weist allerdings auf die praktischen Hürden hin: Das heutige Ernährungssystem sei über Jahrzehnte stark auf Tierproduktion ausgerichtet worden. Innerhalb von zehn Jahren müssten sich sowohl landwirtschaftliche Betriebe als auch die Lebensmittelindustrie umstellen – ob die Konsumentinnen und Konsumenten am Ende auch das essen würden, was eine solche neue Landwirtschaft produziert, sei offen.

Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab. Ein breites Nein-Komitee, dem unter anderem der Schweizer Tourismus-Verband angehört, hat seinen Abstimmungskampf bereits lanciert und befürchtet weitreichende Eingriffe in die Landwirtschaft.