Europa erlebt 2026 die bislang größte gemeldete West-Nil-Saison. Bis zum 7. Oktober meldeten Staaten der Europäischen Union (EU) 1.715 lokal erworbene Infektionen und 130 Todesfälle. Zugleich betont das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC): Die gemeldeten Erkrankungen verlaufen in diesem Jahr bislang nicht häufiger schwer als im Durchschnitt des vergangenen Jahrzehnts.
Diese zwei Befunde müssen getrennt werden. Eine hohe Fallzahl zeigt, dass mehr diagnostizierte Infektionen auftreten und das Virus neue Gebiete erreicht. Die Anteile der gemeldeten Fälle mit Krankenhausaufnahme, neurologischen Symptomen oder Tod liegen laut ECDC jedoch unter den Werten der vergangenen zehn Jahre. Ein Rekord bei der Zahl ist deshalb nicht automatisch ein Rekord bei der individuellen Schwere.
Italien trägt mit 748 Fällen rund 43,6 Prozent des bisherigen EU-Stands. Die Niederlande meldeten 59 Fälle, Belgien 15 und damit erstmals lokal erworbene Infektionen. Diese Zahlen stützen den Befund, dass sich die Übertragung weiter nach Norden ausdehnt. Rohdaten zwischen Ländern bleiben aber nur eingeschränkt vergleichbar, weil Überwachung und Testung unterschiedlich intensiv sein können.
Auch der rechnerische Anteil von 130 Todesfällen an 1.715 gemeldeten Fällen – etwa 7,6 Prozent – darf nicht als Sterblichkeit unter allen Infizierten gelesen werden. Viele Infektionen verlaufen symptomlos oder mild und werden gar nicht diagnostiziert. In der Statistik sind schwere Fälle deshalb überrepräsentiert. Ältere Menschen und Personen mit geschwächtem Immunsystem haben dennoch ein höheres Risiko für schwere Verläufe.
Für Menschen in betroffenen Gebieten bleibt Mückenschutz die wichtigste unmittelbare Maßnahme: Repellent, lange lockere Kleidung am Abend und in der Nacht sowie Fliegengitter oder Moskitonetze senken das Stichrisiko. Das ECDC erwartet trotz ungünstiger werdender Bedingungen noch weitere Fälle.
Für Behörden reicht die Beobachtung menschlicher Erkrankungen allein nicht. Das Virus zirkuliert zwischen Vögeln und Mücken und kann auch Pferde erkranken lassen. Humanmedizin, Veterinärwesen und Umweltüberwachung müssen Funde deshalb gemeinsam auswerten, Brutstätten reduzieren und lokale Bekämpfung gezielt einsetzen.
